Wir bewirken was! Traumberuf Lehrerin an der Nahariya-Schule

Interview mit zwei "Urgesteinen": Liane Waldenmaier und Janina Hake von der Nahariya-Grundschule in Lichtenrade

Janina Hake und Liana Waldenmaier vor der Nahariya-Grundschule in Lichtenrade (von links)

Seit 37 Jahren an der Nahariya-Schule: Liane Waldenmaier, genannt "Waldi"

Lehrerin Janina Hake ist auch in Lichtenrade aufgewachsen

"Das ist unsere Schule!"

"Waldi" Liane Waldenmaier vor ihrem Klassenraum...

...und Kollegin Janina Hake vor ihrem

Beim Betrachten alter Fotos

Kein Interview im grünen Außenbereich der Nahariya-Grundschule. Wegen Kälte und Regen Mitte April 2024 unterhalten wir uns dort, wo sich die Klassenräume von Janina Hake und Liane Waldenmaier befinden. Sie liegen in der zweiten Etage des benachbarten Kindergarten-Gebäudes, wo im Erdgeschoss in der Mensa gerade das Mittagessen ausgeteilt wird. Die zwei Lehrerinnen werden auf dem Weg vom Hauptgebäude hierher von etlichen Kindern gegrüßt. Bald wird klar, warum die beiden so beliebt sind. Sie strahlen um die Wette, und so viel positive Energie wirkt ansteckend. Beide haben einen Großteil ihres Lebens in Lichtenrade verbracht und sind quasi so etwas wie Urgesteine im Stadtteil.

Waldi - die Dienstälteste der Schule

Liane Waldenmaier, die von Kollegen wie Schülern liebevoll „Waldi“ genannt wird, bezeichnet sich selbst als Dienstälteste der Nahariya-Schule: „Ich bin jetzt 37 Jahre an dieser Schule.“ Sie begann am 4. November 1987, in dem 1973 eingeweihten Schulgebäude zu arbeiten. Aktuell ist sie Klassenlehrerin einer dritten Klasse mit 26 Kindern und unterrichtet alle Fächer von Deutsch bis Sport, außer Musik und Religion. Laut Plan wird sie bis zu ihrer Pensionierung noch ein weiteres Schuljahr lang bis zum Sommer 2025 arbeiten und nach den Sommerferien noch einmal eine erste Klasse übernehmen. 

"Die Ferien sind nur ein nettes Beiwerk"

Die Erstklässler haben es nicht einfach, berichtet sie, denn „die Zeit von Schuljahresbeginn bis Weihnachten brauchen sie in der Regel erst einmal, um sich hier zurecht zu finden“ und an den Kosmos Schule zu gewöhnen. Doch wenn sie dann lesen, schreiben und rechnen lernen, empfindet ihre Lehrerin das als sehr beglückend. „Wir bewirken hier was“, sagt Waldi, und Janina Hake pflichtet ihr sofort bei: „Wir haben einen Traumberuf!“ Es sei sehr abwechslungsreich und vielfältig mit den Kindern, Kollegen und Eltern, „und die Ferien sind ein nettes Beiwerk“. Natürlich gibt es auch Probleme, das wollen die beiden gar nicht verhehlen. Die wachsende Bürokratie, beklagt Liane Waldenmaier, nehme zu viel Zeit in Anspruch: „Manchmal bräuchte ich eine eigene Sekretärin“. Apropos, so etwas ähnliches gab es schon mal früher zu Zeiten des Hausmeister-Ehepaares Grothe. Die Familie wohnte in den 1990ern in dem Hausmeisterhaus auf dem Schulgelände. Frau Grothe bot den Lehrern zu deren Entlastung ihre Schreibmaschinenkenntnisse an, um die Zeugnisse abzutippen. Außerdem war sie bekannt dafür, gute Buffets zu organisieren. 

Das heitere Klima, die Schulleiter und Hausmeister

Auch Waldis zwei eigene Kinder besuchten die Nahariya-Schule, und derzeit sind ihre beiden Enkel hier Schüler. Das hat mehr als einen Grund: das Klima ist einfach gut hier an der Schule: „voll heiter“. Das merkt auch der Reporter, als er seine Nase mal kurz in Sekretariat und Lehrerzimmer steckt und auf dem Gang vom Schulleiter Simon Peter begrüßt wird. Liane Waldenmaier denkt kurz nach und zählt dann alle Schuldirektoren auf, die sie in den 37 Jahren erlebt hat. Vor Simon Peter waren das vier Frauen, und zwar zuerst Frau Kock, und danach kam Frau Hunscha. „Die hat ihr halbes Leben in der Schule verbracht.“ Janina Hake erinnert sich noch daran, wie diese Schulleiterin den Kindern mit der Zigarette im Mund etwas erklärte: „Das wäre heute undenkbar, aber damals gab es auch ein Raucherzimmer.“ Auf Frau Hunscha folgten Frau Peters-Brose und Frau Fleischmann, bevor mit Simon Peter vor drei Jahren erstmals ein Mann die Kapitänsbrücke auf dem großen Nahariya-Tanker übernahm. Hausmeister „haben wir in den Jahren auch viele verschlissen“, sagt Waldi lachend. Sehr zufrieden sind die Lehrerinnen mit dem jetzigen Hausmeister Hakan Topgül, der besonders bei den Kindern sehr beliebt ist, vieles möglich macht und auch bald in das Hausmeisterhaus einziehen wird.

Janina Hake war selbst Schülerin an der  Nahariya-Schule

Janina Hake ist Klassenlehrerin der „Regenbogenklasse“, einer zweiten Klasse mit 22 Kindern. Die gebürtige Lichtenraderin, Jahrgang 1985, wohnte als Kind mit ihren Eltern in der Straße Im Domstift und ging früher selbst auf die Nahariya-Schule. Das war von 1990 bis 1996. Sie wurde damals nicht von Kollegin Waldi unterrichtet, doch ihre Cousins waren in deren Klasse. Seit dem hat sich hier viel verändert. Denkt Janina Hake an ihre Schulzeit, fällt ihr zuerst ein, wie sie im Schulhaus mal auf der Treppe gefallen ist und blutend von einer Lehrerin aufgehoben und herunter getragen wurde: „Daran denke ich immer noch, wenn ich diese Treppe nehme.“ Nach dem Abitur hat sie ein Jahr lang Praktikum an ihrer alten Grundschule gemacht. Nach Studium und Elternzeit beendete sie 2013 ihr Referendariat hier. Das gab schon mitunter kuriose Situationen, denn „damals war noch mein alter Klassenlehrer im Dienst.“ 

Bald wieder 1.000 Kinder und vielleicht sechszügig

Die Nahariya-Grundschule ist eine offene Ganztagsschule, hier werden die Kinder bei Bedarf bis 18 Uhr betreut. Nachmittags finden Arbeitsgemeinschaften statt - von 14 bis 16 Uhr. Auf einem Acker wurde die Schule Anfang der 1970er Jahre erbaut. Ihre Schülerzahlen schwankten seitdem. Gab es früher mal um die 1.000 Kinder, erinnert sich Waldi, rutschte die Gesamtzahl in den vergangenen Jahren mal unter 600 Mädchen und Jungen. Bald werden es wieder über 800 sein. Dann wird die Nahariya „fünf- bis sechszügig“, was bedeutet, dass es wieder - wie zu Janina Hakes Schulzeit Anfang der 1990er Jahre - in jedem Jahrgang die Klassen a, b, c, d, e und evtl. f geben wird. Rund 65 Prozent der Schüler stammen aus Familien, die einen Migrationshintergrund haben. Doch sei nicht Arabisch, sondern Deutsch die vorherrschende Sprache auf dem Schulhof. Dort gehe es in der Regel friedlich zu: „Und wenn es mal einen Konflikt gibt, dann resultiert der meistens aus dem Fußball oder einem anderen Sport. Ich musste als Hofaufsicht bislang aber kaum mal einschreiten“, so Liane Waldenmaier. 

Teilweise prekäre Verhältnisse

Dass viele Kinder in prekären Verhältnissen leben, ist in den letzten Jahren sichtbarer geworden, so die beiden Lehrerinnen. Manche Kinder bekommen kein Frühstück von ihren Eltern mit oder nur die trockenen China-Nudeln, die man eigentlich mit heißem Wasser aufgießt. Zum Elternabend kommen die meisten Eltern, erzählt Waldi. „Doch fehlen immer diejenigen, mit denen ich eigentlich reden möchte.“ Janina Hake berichtet, dass sie einem Mädchen aus ihrer Klasse heute ein Paar Schuhe von ihrer Tochter mitgebracht hat. Die Schuhe des Mädchens waren zu klein geworden: „Da kam der große Zeh vorn schon durch“. 

Probleme bei der Wissensvermittlung

Als größtes Problem der Schulkinder heute sehen die beiden Lehrerinnen allerdings die viele Zeit, die schon die Kleinen mit den Handys verbringen bzw. die veränderte Mediennutzung der Schüler. Wenn am Montag aufgeschrieben wird, was die Kinder am vergangenen Wochenende so alles unternommen haben, stehe bei vielen nur: „Habe mit dem Tablet gespielt“ oder „Ich habe gezockt.“ In der Schule müssen die Handys zwar ausgeschaltet bleiben, doch dominieren sie außerhalb des Unterrichts. „Ihnen eigene Denkleistungen abzuverlangen, wird dadurch immer schwieriger“. Eine komplizierte - oder auf Neudeutsch: herausfordernde - Entwicklung offenbart sich, wenn die Lehrerinnen erzählen, dass sie die Arbeitsmaterialien von vor 10 Jahren kaum noch verwenden können: „Noch nicht mal die von vor drei Jahren!“

Lichtenrade: Haus an der Mauer und Einkaufen in Steglitz - von früher und heute

Liane Waldenmaier baute zusammen mit ihrem Mann Ende der 1980er Jahre ein Einfamilienhaus am Lichtenrader Wäldchen in der Nähe der Mauer zur DDR. Als sie einzogen, gab es noch Hundegebell und nachts die taghelle Beleuchtung. Heute gibt es anstelle des Todesstreifens einen Weg, auf dem man spazieren und Radfahren kann. „Mit dem Rad zur Schule oder in 16 Minuten hinlaufen könnte ich auch“, sagt Waldi, doch fährt sie meist mit dem Auto her, weil sie danach noch Wege zu erledigen hat. Ihr Viertel hat sich in den über 30 Jahren nur wenig verändert, findet sie: „Es gibt nur mehr Autos als früher.“ Waldi wuchs in Neukölln und Schöneberg auf. Wenn man damals „in die Stadt“ wollte, war damit die Karl-Marx-Straße mit all ihren Kaufhäusern gemeint. Für Janina Hake, die heute im Bayrischen Viertel von Lichtenrade wohnt und in 7 Minuten zur Schule laufen kann, war das in der Kindheit die Schlossstraße in Steglitz. Heute bestellen die beiden Frauen eher im Internet und lassen sich die Waren nach Hause liefern. Soll es doch mal „in die Stadt“ gehen, dann sind damit meist die Gropiuspassagen in Neukölln gemeint. Lichtenrade zeichne sich durch „einen dörflichen Charakter im positiven Sinne“ aus, finden sie. Hier kenne man sich untereinander. Viele Leute trifft man zum Beispiel bei den Handballspielen des VfL. Bei dem Verein arbeitet Janina Hakes Mann, auch ein Lehrer an der Nahariya-Schule, in seiner Freizeit als Trainer. So kommt es, dass sie viele Eltern und Kinder der Schule auch in der Sporthalle antrifft.

Das Zentrum von Lichtenrade?

Die Bahnhofstraße und der Dorfteich werden da zuerst genannt. In der Bahnhofstraße, die in den kommenden Jahren umgestaltet werden soll, hat sich vieles verändert. Inhabergeführte Geschäfte verschwinden wie anderenorts auch. „Stattdessen haben wir dort jetzt das vierte Nagelstudio“, beklagen die beiden Lehrerinnen. Lichtenrader wie Waldi und Janina Hake treffen sich zum Eis essen gern in der Eisdiele Moin Moin, beim Griechen an der S-Bahn, beim Inder Amma, im Café Obergfell, „oder im 'Cancun‘, aber das liegt schon in Mariendorf.“ 

...und die Zukunft der Schule?

Zur Zukunft befragt, überlegen die beiden kurz und finden, dass für sie vieles so bleiben könnte wie es ist. „Wir fühlen uns sehr wohl hier“, betonen sie nach 37 bzw. 11 Jahren als Lehrerinnen an der Nahariya-Grundschule. Das liegt vor allem am Kollegium, aber auch an den Kindern. Ein größeres Kompliment für das Arbeitsklima kann es kaum geben. Natürlich könnte manches noch harmonischer sein, und die Elternarbeit könnte man weiter intensivieren. Und wenn sie sich etwas wünschen dürften, dann wäre das die Wiedereinführung der Vorschule. Das war ein vorgeschaltetes Jahr vor der ersten Klasse und nach dem Kindergarten. Das gab es bis zur Mitte der 1990er Jahre und erleichterte den Kindern den Einstieg in den Schulalltag erheblich.

Kontakt: Nahariya-Grundschule, Nahariyastraße 13-17, 12309 Berlin, Telefon: +49 [30] 90277-8256, E-Mail: E-Mail: sekretariat(at)nahariya.schule.berlin.de, https://nahariyaschule.de

Nachtrag: Fast 50 Jahre nach ihrer Eröffnung feierte die Nahariya-Schule im September 2022 dieses Jubiläum mit mehr als 100 Gästen. Zum Artikel über den Beginn des Jubiläumsjahres mit einem vielfältigen Programm rund um die bewegte Geschichte der Grundschule im Quartiersmanagement-(QM)-Gebiet Nahariyastraße. Zum Artikel geht es hier ...

Text und Fotos: © Gerald Backhaus 2024 für das QM Nahariyastraße

Die Nahariya-Schule wird seit 2021 über das Quartiersmanagement aus Mitteln des Programms "Sozialer Zusammenhalt" unterstützt, zum Beispiel durch die Finanzierung von Ausstattungsgegenständen wie Kinderfahrrädern, Musikinstrumenten oder Bibliotheksmöbeln. Darüber hinaus wirken hier die beiden über QM-geförderten Projekte "Funboxing und Fairboxen" und die "Bildungsbotschafter*innen".